Ulrike Arnold
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Steine und Sternenstaub

Ulrike Arnold arbeitet mit Erde, macht aber keine land art. Sie ist Malerin, deren Farben Erden sind. Die Bilder entstehen nicht im Atelier, sondern dort, wo sie diese Erden vorfindet. Sie sucht Orte auf, besondere Orte, für sie besondere Orte, auf allen Kontinenten. Mit dem Unterwegssein zu den Orten hat das Schaffen der Bilder schon begonnen. Häufig arbeitet sie in ihrer Wahlheimat Arizona, auf dem Coloradoplateau mit seinen weiten Flächen, schuttumsäumten Mesas, den tief und steil eingeschnittenen Canons, Topographien einer Verlassenheit, in der man jederzeit verloren gehen kann. In der man sich aber auch finden kann.

Es ist eine Geist- und Geisterlandschaften, reduziert auf wenige einfache und monumentale Formen, unwirklich und von durchdringender Klarheit. In prähistorischer Zeit haben hier die Pueblo-Indianer gesiedelt, die großartige Kultur der Anasazi, die auf geheimnisvolle Weise rasch und spurlos wieder verschwand. Zeitgenössische Künstler beziehen sich auf diese Landschaft und ihre Traditionen, Walter de Maria mit dem Lightning Field oder James Turrell mit dem gigantischen Roden Crater Projekt nahe Flagstaff. Und Ulrike Arnold mit ihren Erdbildern. Erde entsteht durch organischen Zerfall und durch Verwitterung, durch das beständige Ineinanderwirken von Lithosphäre und Atmosphäre, anstehendem Gestein und Klima, Wettererscheinungen. Jeder Ort auf der Welt zeigt dabei sein eigenes, unverwechselbares Gesicht. Die spezifischen Signaturen der Orte manifestieren sich in den Bildern, die dort entstanden sind - amerikanische, afrikanische, asiatische, australische Bilder, und erst recht die Meteoritenbilder, unterscheiden sich erkennbar voneinander, nicht allein durch die Farben, sondern auch durch ihre Formen und Strukturen.

Ulrike Arnold sucht die Orte auf, um dort zu arbeiten, um eine längere Zeit zu verweilen, eine Zeitlang die Einsamkeit dieser Orte zu teilen, sie in sich aufzunehmen. Sie gräbt Erdproben ab und füllt diese in kleine Säckchen; sie breitet die Leinwand wie ein großes Tuch auf der Erde aus, auf dem Relief des Untergrunds, fixiert sie an den Rändern mit Steinen. Der Malprozess beginnt, indem sie die körnigen, durch Mineraliengehalt und Verwitterung verschiedenfarbigen Erden - gewordene, nicht gemachte Farben - auf die präparierte Leinwand häuft, ausstreut, wirft, verteilt. Schon bald wird deutlich: das Bild ist Teil dieses Ortes, unmittelbarer Ausdruck der dort verbrachten Zeit. Ein Ausschnitt, und zugleich ein Ganzes.

Angesichts der Größe der Formate agiert beim Malen der ganze Körper. Die Leinwand liegt vor und unter ihr, sie kniet sich buchstäblich hinein, bewegt sich im entstehenden Bild, um das Bild herum. Das ist wie ein Tanz, der sich aus der intensiven Erfahrung, der beharrlichen und genauen Wahrnehmung des Ortes mit allen seinen Erscheinungen entfaltet, alles mit einbezieht: Geologie, Topographie, Gluthitze am Tag, Kälte in der Nacht, Sonnenlicht und Mondlicht, Schatten und Wind, Pflanzen, Tiere, Geräusche, Düfte und Kräfte. Und natürlich all das, was man schon mitgebracht hat zu diesem Ort an Gedanken, Erfahrungen, Erinnerungen - nicht zuletzt das Vorhaben, ein Bild zu malen. Ein Bild, in dem sich all dies manifestiert. Ein Bild, das dies alles ist. Der Prozess des Malens schafft die Transformation.

Soweit die äußere Beschreibung. Bleibt noch die Situation des Alleinseins, die zu gesteigerter Achtsamkeit und Unabgelenktheit führen kann und weiter zu einer besonderen Form der Konzentration, die ihren Gegenzug: Öffnung und Ausweitung, in sich trägt. Kein Unterschied zwischen dem Zwiegespräch mit dem Ort und dem Zwiegespräch mit sich selbst. Im Zustand der Selbstvergessenheit verschmelzen der Ort und alle seine spezifischen Gegebenheiten mit dem Körper und dem Bewusstsein der Person, die hierher gekommen ist, um zu bleiben, für eine Zeit, und zu arbeiten. Diese lebendige, bewegte Einheit manifestiert sich in Gestalt des Bildes: viele der Bilder, nicht gegenständlich, zeigen landschaftliche ebenso wie anthropomorphe Züge. Einheit, verstanden als offenes Wechselspiel, besteht auch auf einer ganz elementaren Ebene. Die Sande und Erden mit ihren wunderbaren Farben aus der Tiefe der Zeit: sie sind Möglichkeiten des menschlichen Körpers, und vice versa, in einem Kreislauf. Jedes einzelne Atom war zuvor bereits in unendlich viele andere Konfigurationen einbezogen und wird auch weiterhin im Prozess andauernder Umwandlung zirkulieren. Wechselweise Übergänge zwischen Organischem und Anorganischem, Belebtem und Unbelebtem, Geist und Materie.

In diesen Spielraum gehören auch die Meteoriten, mit deren Materie Ulrike Arnold seit einiger Zeit arbeitet. Boten aus unvorstellbaren Räumen und Zeiten, verkörpern sie den Kreislauf auf kosmischer Ebene, manche von ihnen führen in Salzkristalle gebundenes Wasser mit sich, Aminosäuren, Spurenelemente, die älter sind als unser Sonnensystem. Es ist fast schon eine analoge Bewegung, eine Entsprechung, wie die Malerin ihre Orte auf dem Planeten aufsucht, und wie die Meteoriten, massive Kongregationen aus Stein und Eisen, im Einschlagen auf der Erde unausweichlich ihre Plätze finden.

Wenn Ulrike Arnold von ihrer Arbeit spricht, fällt häufig das Wort Zufall, auch Kette von Zufällen. Das hat mit Zufall im Sinne von Beliebigkeit nichts zu tun. Eher schon mit Zulassen. Wenn die Wahrnehmung wirklich offen ist, wird die Wirklichkeit auf ihr Gewebe hin transparent. Dann zeigt sich, was wir gern mit Zufall umschreiben, als reine Evidenz. Um dahin zu kommen, bedarf es, ganz unzeitgemäß, des beharrlichen Verfolgen eines Wegs. Dann entstehen solche Bilder, die mit großer Intensität Orte verkörpern, in dem so weiten wie genauen Sinn, der in der Bedeutung des Wortes Ort mitschwingt: ein äußerster Punkt, der alles in sich versammelt, und das heißt: Ort des Übergangs, der Verwandlung.

Matthias Bärmann, Februar 2006

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